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Korruptions-Sightseeing in Prag
Kunst-Sozial 05/12
Gelesen am 28.05.12 auf derstandard.at

Von Robert Schuster

Der Prager Regisseur Sourek bietet eine andere Art der Stadtbesichtigung an: Er führt zu jenen Gebäuden, die mit Korruptionsskandalen verbunden sind.

Kennen Sie diesen Witz? Wie heißt das größte schwarze Loch das vom Weltall aus auf der Erde zu sehen ist? Antwort: Der überteuerte Prager Tunnelkomplex Blanka. Oder den folgenden: Weshalb wird das tschechische Heer U-Boote anschaffen, obwohl Tschechien ein Binnenland ist? Weil diese, auch wenn man zusätzlich Räder montieren muss, noch immer billiger sind, als die österreichischen Pandur-Radpanzer. Je mehr Enthüllungen über Schmiergelder bei öffentlichen Aufträgen, desto sarkastischer die Witze. Jüngst mündete der Frust über die Realität der Korruption in die Idee eines Reisebüros, das sich auf Korruptions-Sightseeing spezialisiert. Das Unternehmen heißt Corrupt Tour und wurde vom jungen Philosophen, Theaterregisseur und Übersetzer Petr Sourek ins Leben gerufen. Zusammen mit seinen Freunden bietet er Interessierten eine kommentierte Führung zu Orten an, die mit Korruption verbunden sind. Das Motto des Reisebüros lautet: "Das Beste vom Schlechtesten."

Reise zu den Spekulanten
So geht etwa in Prag die Reise nicht nur zum Tunnel Blanka, oder nach Letnany, an der Stadtgrenze, wo Spekulanten mit gutem Draht zur Prager Stadtpolitik versuchten günstig Grundstücke zu erwerben, um sie dann - sollte Prag bei der Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 2016 erfolgreich sein - zu überhöhten Preisen wieder an die Stadt zurückverkaufen zu können. Die Führungen gibt es seit einem Monat und sie erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Auf dem Programm stehen auch die Villen von Geschäftsleuten und Lobbyisten. "Uns hat es gereizt die Besucher an diese Plätze zu führen und das, was zu sehen ist, mit sachlicher und unaufgeregter Stimme zu kommentieren, so wie das eben bei Führungen üblich ist," sagte Sourek im Gespräch mit dem Standard. Die Hausherren der Prachtbauten hätten nicht versucht, die Besichtigungen zu unterbinden, erzählt Sourek. "Ich habe das Gefühl, dass sie sich vor uns versteckt haben." Nachsatz: "Aber es ist schon merkwürdig, dass wir bereits zwei Wochen nach Beginn der Führungen ein Aufforderung vom Finanzamt erhielten, alle Dokumente vorzulegen, obwohl wir dazu vom Gesetz her gar nicht verpflichtet sind."

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Wenig ist genug
Konsumkritik 03/14